Die Zukunft der Arbeit ist remote, flexibel, digital – für einige Berufe ist diese Utopie einfach nicht umsetzbar. Tätowierer, Pflegekräfte, Paketboten, Erzieherinnen, Friseure, Trainer im Fitnessstudio, Menschen in Werkhallen, Küchen, OP-Sälen und auf Baustellen: Sie arbeiten da, wo es körperlich wird.
Unsichtbar auf Tour
Mobiles Arbeiten hat eine andere Bedeutung, wenn du Sicherheitsschuhe trägst und jeden Ablageort im Postleitzahlengebiet auswendig kennst. Elija fährt Lieferdienst, jeden Tag die gleiche Route, nur dass die Kartons immer größer und die Leute dahinter immer unsichtbarer werden. Während andere im Homeoffice auf „Jetzt bestellen“ klicken, macht er die eigentliche Arbeit draußen im Nieselregen. „Die sehen nur die App, nicht mich“, sagt er. Der wichtigste Mensch in diesem Konstrukt wird algorithmisch weggefiltert. Türen bleiben zu, Gegensprechanlagen auf Autopilot: „Stellen Sie’s einfach hin.“ Wenn was nicht passt, wird halt retour geschickt – kostenlos natürlich. „Für die ist das ein Klick, für mich sind das zehn Kilo mehr im Wagen.“
New Work heißt für Elija: optimierte Routen, getaktete Pausen, Gehupe. Der letzte analoge Kontakt in einer Konsumkette, in der alles jederzeit verfügbar sein soll. Elijas Wünsche sind Basics: verlässliche Touren, weniger absurde Rücksendungen und Menschen, die wenigstens kurz die Tür öffnen, statt nur die Paketnummer zu tracken. Ein „Danke“ und ein anständiger Tarifvertrag wären für die Zukunft der Arbeit manchmal progressiver als der nächste New-Work-Hype.
Haut als Hardware
Danny Brink, Inhaber und Tätowierer im Signed & Sealed Tattoo Parlour in Recklinghausen, lebt von Hautkontakt statt Homeoffice. Remote geht hier gar nichts. Dafür knallt die digitale Konsumkultur umso mehr rein. Kunden kommen längst mit KI-generierten Motiven. „Ist okay, solange klar ist, dass es am Ende nicht exakt so aussieht und ich meine Handschrift reinbringe“, sagt Danny. Nicht okay, wenn sie seine Kunst wie Fast Fashion behandeln – Hauptsache schnell, günstig, verfügbar. Dass es echte Kunst ist, merken viele erst, wenn’s schiefgeht. Jüngst entdeckte er eins seiner Tattoos auf Facebook – eins zu eins kopiert und von einem anderen Studio als eigenes verkauft. „Viele haben kein Gefühl mehr für Urheberrecht“, sagt er. Parallel kämpfen Tätowierende mit EU-Verordnungen zu Farben, hohen Abgaben und dem Spagat, offiziell als Handwerk zu gelten und kaum als Kunst anerkannt zu werden. Sein Wunsch an Politik und Behörden: Tätowieren als künstlerischen Beruf ernst nehmen, Zugang zur Künstlersozialkasse erleichtern – und damit eine Branche stärken, deren Arbeit sich nicht wegdigitalisieren lässt.
Signedandsealed.de
Insta: @signedandsealedtattoo
ZwischenmenschlichZeit
Sarah Schüler geht über die Flure des Wohnbereichs 4 im Matthias-Claudius-Zentrum. Sie grüßt Kolleginnen und Bewohner, wirkt wach und zugewandt – genauso arbeitet sie auch. Die 44-Jährige leitet den Bereich, ist examinierte Altenpflegerin und bezeichnet ihren Job als Traumjob: „Die Dankbarkeit der Menschen, der soziale Kontakt, viel Verantwortung und jede Menge Fachwissen – diese Mischung hat mich sofort fasziniert.“ Büroarbeit gehört für sie dazu: „Ein guter Dienstplan kommt letztlich den Bewohnerinnen und Bewohnern zugute.“ Digitale Hilfsmittel begrüßt sie, wenn sie wirklich entlasten: „Arbeitserleichterungen durch digitale Hilfsmittel sind für uns existenziell wichtig und gut.“ Künftig sollen im Matthias-Claudius-Zentrum Sprachassistenten gesprochene Berichte automatisch in die Dokumentation übertragen – mehr Zeit für das, was ihr wichtig ist: die Menschen. Nicht jede Innovation besteht den Praxistest: Ein getesteter „Sozialroboter“ mit Display-Gesicht fiel bei den Bewohnern durch. „Er hatte ein nettes Gesicht auf einem kleinen Bildschirm und konnte sich bewegen. Unsere Bewohner fanden das sehr befremdlich.“ Er durfte nicht einziehen. Für Menschliches sind Menschen.